Denkmal Hamburg 1/25
Jahrgang 2 | Heft 1 | 2025
96 Seiten mit 102 größtenteils farbigen Abbildungen. Format 21 x 28 cm. Softcover mit Fadenheftung
ISSN: 2943-9051
ISBN: 978-3-943164-92-3
12,50 EUR
Themen in diesem Heft:
Aufklärung und Gotik | 80 Jahre Zerstörung der Hauptkirche St. Jacobi | Sakralbau der Nachkriegsjahrzehnte in Hamburg | Wohnen in Karl Schneiders Farbenspektrum Zur Instandsetzung eines Wohnhauses in Rahlstedt | Ein Denkmal der Kasernierung und Verfolgung Sichtblenden und Tore der Herbertstraße auf St. Pauli | Von vergessenen Kindern und vergessenen Bauten
Die Hamburger Säuglings- und Mütterheime der frühen 1960er Jahre | Grundsteine der Zukunft Die Bauten für IBM, Nixdorf und ein Silberling | Die Hamburger Grundsatzerklärung von 1976 und ihre Folgen | Klimaschutz und Denkmalschutz | Hire and fire Erste Erfahrungen mit dem Kirchenmanifest | Hamburg-Harvesterhude, Innocentiastraße 58, Eimsbüttel | Die Imagekampagne der VDL Ein Interview mit den Macherinnen
Die zweite Nummer der Denkmal Hamburg beginnt mit einem fulminanten Gastbeitrag von Horst Bredekamp. Er nimmt uns mit auf die Fahrt in seinem alten Käfer durch die ehemalige Tschechoslowakei in den 1970er Jahren. Mühelos schlägt er von dort aus den erinnerungspolitischen Bogen zur Ausstattung des Films Das Imperium mit seinen „nachgotische(n) Raketen Hippscher Provenienz“ von 2024. Wir lesen nämlich den Festvortrag, den Horst Bredekamp für den Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Hermann Hipp zu dessen 80. Geburtstag gehalten hat.
Fridericke Conrad erzählt in ihrem Beitrag zur Hauptkirche St. Jacobi, wie das Gebäude nicht nur durch die Luftangriffe im Jahre 1944 teilweise zerstört wurde, sondern, wie in den darauffolgenden Jahrzehnten der Kirchenbau weitere Beschädigungen erlitt und wie viel Kraft es brauchte, bis dieser wieder- und neuaufgebaut wurde. Übrigens arbeitet Fridericke Conrad als Museumspädagogin in der Restaurierungswerkstatt in St. Jacobi. Zusammen mit dem Amtsrestaurator Eberhard Taube macht sie die Arbeit der Restaurierungswerkstatt für alle Besuchende erlebbar, besonders auch für Kinder und Jugendliche. Es gibt in der Zeitschrift auch einen eigenen, spannenden Beitrag von Eberhard Taube über die restauratorische Untersuchung an der Fassade eines Gebäudes an der Innocentiastraße in Eimsbüttel. Die auf den Fassaden- und Stuckoberflächen bis zu 35 vorgefundenen Farbschichten erzählen von verantwortungsvoller Pflege und geschmacklichen Anpassungswünschen vieler Besitzer*innen.
Mit Kirchenbauten geht es weiter in der Zeitschrift: Stefan Kleineschulte widmet sich den Kirchen Hamburgs der Nachkriegsjahrzehnte, die in Deutschland absolut herausragend sind. Interessant ist besonders, wie in Bauprogrammen ab Mitte der 1960er Jahre eine Öffnung der Kirche zur Alltagswelt realisiert wurde. Es entstanden multifunktionale Räume und integrierte Gemeindezentren. Es ist die Aufgabe des Denkmalschutzamtes, zusammen mit den Hamburger Bürger*innen, diese Orte für die Zukunft zu erhalten, als Gemeinschaftsorte, ja „Gemeingüter“, wenn sie nicht mehr als Kirchen benötigt werden. Wie sich Akteur*innen für diese Orte einsetzen, beschreibt Karin Berkemann im zweiten Gastbeitrag, etwas weiter hinten in der Zeitschrift, und berichtet von der 2024 gestarteten Initiative, dem Kirchenmanifest.
Der Text von Astrid Hansen und Eberhard Taube zum sogenannten Wohnhaus Lattermann ist ein wichtiger Forschungsbeitrag zum Werk von Karl Schneider. Seine Bedeutung als Architekt für die Klassische Moderne wird in den letzten Jahren glücklicherweise durch wissenschaftliche Arbeiten wieder deutlich gemacht. Dabei spielen die Forschungserkenntnisse an den noch vorhandenen Gebäuden eine entscheidende Rolle: Auf den ersten Blick sind die von Schneider erbauten Gebäude in Hamburg oft durch zahlreiche bauliche Veränderungen nur noch ein Schatten ihrer selbst. Auf den zweiten Blick ergeben sich aber bei Befunduntersuchungen wichtige Erkenntnisse zu Baukonstruktion, Materialien und Farbgestaltung. Beim Wohnhaus Lattermann lässt sich beispielsweise das grundlegende Gestaltungsthema Schneiders verifizieren: die weiße Putzfassade in Kombination mit farbigen Fensterbändern und Türen und das gekonnte Einsetzen der Farbgestaltung in den Innenräumen, die klein geschnittene Räume durch eine gelungene Farbgebung großzügig wirken lässt.
Die Sichtblenden und Tore an der Herbertstraße, die nicht selten Hamburger Tourist*innen nach St. Pauli locken, sind Gegenstand von Imke Ritzmanns Beitrag. Anders als heute viele denken, sind sie nicht zum Schutz der Prostituierten aufgestellt worden. Sie stammen teilweise noch von 1933, aus der Zeit der Machtübernahme der Nationalsozialisten und dienten der Kasernierung von Prostituierten, die unter den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Seit kurzem erst sind die Tore und Sichtblenden denkmalgeschützt. Mit gutem Recht, kann man sich fragen, ob es denn richtig ist, solche baulichen Zeugnisse unter Schutz zu stellen und damit vor Ort, diese historischen Räume der Verfolgung zu erhalten? Imke Ritzmann schildert anschaulich, wie wichtig deren Erhalt vor Ort ist, um die Geschichte gerade auch jener Verfolgten zu dokumentieren, die erst seit 2020 als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt wurden. Dank der guten Zusammenarbeit zwischen dem Museum für Hamburgische Geschichte, dem Bezirk Mitte und dem Denkmalschutzamt ist es gelungen, dass diese Geschichte sowohl künftig in der Dauerausstellung prominent Raum einnehmen wird anhand der Präsentation des östlichen Tors und gleichzeitig vor Ort die Elemente des westlichen Tors in St. Pauli verbleiben können.
Karl Mühlbachs Beitrag gilt es besonders hervorzuheben, widmet er sich doch einer in der Architekturgeschichte wenig beachteten Baugattung, die für die Sozialgeschichte Hamburgs wichtig ist: die sogenannten Mütter- und Säuglingsheime. Diese Einrichtungen waren oftmals der erste Anlaufpunkt für junge, alleinstehende und wohnungslose Mütter. Die Heime dienten als Wohnraum, Beratungsstelle und Orte der Kinderbetreuung. Zwar wurde baulich an die Nutzerinnen gedacht und praktische Rampen für die Kinderwagen gebaut etc., aber gleichzeitig waren sie nicht nur Ort der Fürsorge, sondern auch der sozialen Isolation und Diskriminierung, wie Karl Mühlbach sorgfältig darlegt.
Während das ehemalige HEW-Gebäude von Arne Jacobsen in der City Nord, nahe der U-Bahnstation der U1, viele kennen, ist das IBM-Gebäude weniger bekannt. Es gibt aber interessante Bezüge zwischen den beiden Gebäuden, haben doch die dänischen Architekten Dissing & Weitling, die zuvor beide für Arne Jacobsen gearbeitet haben, den Wettbewerb für das IBM-Gebäude gewonnen. Heike Trost schreibt in ihrem Beitrag dazu, wie auch über zwei weitere Bauten in der deutschlandweit einzigartigen Bürostadt City Nord. Es sind Erkenntnisse, die sie im Rahmen des Inventarisationsprojekts 1975–1995 – Postmoderne Architektur in Hamburg gewonnen hat. Welche zentrale Bedeutung die Aufgabe der Inventarisation hat, wird im Beitrag von Astrid Hansen deutlich, die von den Ergebnissen einer Inventarisationstagung in Hamburg 1976 schreibt, wo beindruckenderweise eine bis heute wichtige Grundsatzerklärung verfasst wurde, die den Weg bereitete für eines der wichtigsten Instrumente der Denkmalpflege: die Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland.
Jakob Grelck berichtet anhand von unterschiedlichen Projekten aus der Arbeit der Praktischen Denkmalpflege. Die vier Beispiele zeigen, wie Instandsetzung und Umbau von Denkmalen ein wertvoller Beitrag zum ressourcenschonenden Bauen und zum Klimaschutz sein können. Besonders spannend ist hier sicher der Ansatz, der beim Theater Kampnagel angewendet wird und weit über die Grundsätze der Denkmalpflege hinausweis, ganz nach dem Motto: „Niemals abreißen“.
Zum Schluss der Zeitschrift wird der bundesweiten Kampagne der Vereinigung der Denkmalfachämter der Länder (VDL) Platz eingeräumt. Anhand eines Interviews mit den Macherinnen, Annika Tillmann (Geschäftsstelle der VDL), Christina Krafczyk (Leiterin des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege) und mir, wird über die Intension der Kampagne zum 50-jährigen Jubiläum des Europäischen Denkmalschutzjahres 1975 erzählt. Sie ist ein Gemeinschaftsprojekt aller 18 Denkmalfachämtern mit ihren eigenen Gesetzen und vielfältigen Denkmallandschaften. Hamburg macht im dazugehörigen Magazin den Auftakt unter dem Titel „Neuanfang“. Die Kampagne soll unter dem Slogan „Denkmalpflege. MehrWert als du denkst“ weit über 2025 hinaus wirken.




